Das Projekt: Die weiße Engel aus Korea

Diese Broschüre und diese Webseite sind einige Ergebnisse des Projektes „Vergessene Erinnerungen“, das im interkulturellen Haus in Schöneberg entstanden ist. Dort trifft sich seit 2001 regelmäßig der Verein der koreanischen Krankenschwestern, welcher 1972 gegründet wurde. Die Mitglieder sind alle ehemalige Krankenschwestern, die zwischen 1966 und 1977 aus Südkorea nach Deutschland gekommen sind. Im Verein sind einige der circa 10.000 Krankenschwestern organisiert, die nach dem Anwerbeabkommen zwischen Südkorea und der Bundesrepublik Deutschland als GastarbeiterInnen in die BRD und nach Westberlin gekommen und hier geblieben sind. Sie hatten seit langer Zeit den Wunsch, ihre Geschichte festzuhalten. Im Interkulturellen Haus trifft sich auch sozial label e. V., ein Verein, der mit Methodologien des autobiografischen Erzählens im sozialen und interkulturellen Bereich arbeitet. Auf Anregung des Leiters des IKH, Max Meier, und mit seiner Unterstützung, hat sozial label e. V. den koreanischen Krankenschwestern vorgeschlagen, ihre Geschichten festzuhalten und bekannt zu machen. Der Bezirk Tempelhof- Schöneberg hat das Projekt mit einer Zuwendung gefördert.

Das erste Ziel des Projektes war die Schaffung eines kleinen lebendigen Denkmals für die koreanischen Krankenschwestern: ihnen wurde die Möglichkeit gegeben, ihre individuellen und voneinander unterschiedlichen Geschichten darzustellen und festzuhalten. Einige von ihnen haben das gemacht und individuelle Texte verfasst, die in dieser Broschüre unter ihren Namen erscheinen.

Ein weiteres Ziel war, eine kollektive Erzählung zu schaffen, bei der in kurzer Zeit einige Gemeinsamkeiten ihrer Geschichten durch den ständigen Austausch der Krankenschwestern untereinander und mit externen Personen herausgearbeitet werden sollten.
Dafür wurden vier Erzählcafés veranstaltet, an denen sich mehrere Krankenschwestern, einige Kolleg*innen von sozial label e. V. und andere Interessierte beteiligt haben.

Die Gruppenkonversation während des Cafés wurde aufgenommen und dann von dem Team von sozial label e. V. gründlich bearbeitet. Der größte Teil der Texte entspringt den bearbeiteten Transkriptionen dieser Gruppenkonversationen. Diese Texte enthalten keine Namen, weil sie eine inhaltstreue, respektvolle und empathische, aber letztendlich subjektive Interpretation der Aussagen der Krankenschwestern sind. Das Ziel dabei war, die Authentizität der Gruppenerzählung so weit wie möglich zu erhalten: den Fluss und die Gebrochenheit der gesprochenen Sprache, die bunten Wortneuschöpfungen im Deutschen durch Nichtdeutsche, die unvermeidbaren Uneindeutigkeiten jeder Erzählung und jeder Erfahrung sowie die Neugierde und die eigene Sicht der interviewenden Personen. Wir haben versucht, den Konversations- und Gedankenfluss so viel wie möglich zu erhalten, aber auch den Spaß aller Beteiligten in diesem Prozess nachvollziehbar zu machen. In der Tat kommt der Hinweis „Gelächter“ im Text oft vor.

An den Erzählcafés hat sich nur ein kleiner Teil der ca. 300 Mitglieder des Vereins beteiligt, einige von ihnen wurden eingangs erwähnt. Sicher hat jede Schwester ihre eigene und persönliche Geschichte. Alle haben sich gemeinsam unterhalten. Dadurch stellten sie selbst immer wieder beim Zuhören der anderen fest, dass auch sie selbst Ahnliches hätten erzählen können. Wenn es nicht so war, konnten sie gleich ergänzen. An den Erzählcafés hat sich nur ein kleiner Teil der vielen Mitglieder des Vereins beteiligt, einige wurden eingangs namentlich erwähnt. Sicher hat jede Schwester ihre eigene und persönliche Geschichte. Alle haben sich gemeinsam unterhalten. Dadurch stellten sie selbst immer wieder beim Zuhören fest, dass auch sie Ähnliches hätten. Durch diese offene Vorgehensweise entstanden nicht nur individuelle Texte, sondern auch eine kollektive Erzählung, die repräsentativ für die Erfahrungen von vielen anderen koreanischen Krankenschwestern sein können.

Jedes Erzählcafé hatte einen thematischen Rahmen:
1.) Ankunftsgeschichte in Deutschland,
2.) meine Geschichte,
3.) meine Begegnung mit Europäer*innen
4.) Erfahrungen der anderen.
Angedacht war, dass jedes Erzählcafé mit einer fünften Frage abschließt:
5.) Was geben wir der Zukunft?
Diese Themen dienten lediglich zur Orientierung. Im ersten Erzählcafé sind wir von der Aufgabe ausgegangen, Gefühle in Korea vor der Migration nach Deutschland und Gefühle in Deutschland nach der Migration zu benennen. Auch die Interviewer*innen haben diese Aufgabe erfüllt, allerdings aus ihrer Erfahrungshorizont bzw. ausgehend von ihrem Ursprungsland. Diese Gefühle wurden aufgeschrieben und auf ein Banner geklebt, das die Reise von einem geteilten Korea in ein geteiltes Berlin darstellen sollte.

Im zweiten Erzählcafé war die Ausgangsaufgabe das Mitbringen von Objekten, die die eigene Migrationsgeschichte erzählen: Fotos, Kleidungsstücke, einen entwerteten Pass, ein Taschenwörterbuch etc. Im vierten Erzählcafé haben die Krankenschwestern selbst entschieden, über die Frage:
„Heute: wieder zurück nach Korea? Nein, doch hierbleiben?“ zu sprechen. So entfaltete sich ein Gesprächsfluss, der locker und ungezwungen war und immer wieder auch auf neue Themen hinwies.

Ein Padlet hat die Arbeit in den Erzählcafés begleitet.

Es gibt eine gedruckte Broschüre, die eine Kurzfassung darstellt.
Sie kann bei der Verein Koreanischer Krankenschwestern und – pfleger sowie Pflegehelferinnen und ‐helfer e. V. angefragt werden, https://ikhberlin.de/gruppe/verein-koreanischer-krankenschwestern-und-pfleger-sowie-pflegehelferinnen-und-helfer-e-v/

Auf dieser Webseite sind sowohl Auszüge aus der Broschüre als auch weitere Texte.
– die koreanische Fassung einiger Texte in der Broschüre,
– ein Nachwort,
– Hintergrundinformationen über die Geschichte der Migration aus Korea und andere Themen,
teilweise aus Auszügen der Gruppenkonversation,
– eine Liste der Quellen für die Vertiefung der Themen in den Hintergrundinformationen,
– Dokumentationen der Veranstaltungen während des Projektes und danach.

Die originalen Transkriptionen können auf Anfrage zur Verfügung gestellt werden.

Weitere Aktionen sind geplant, damit die Geschichte der Krankenschwestern mehr Anerkennung erfährt und in unserer gegenwärtigen Gesellschaft zur Geltung gebracht werden kann.

Wir bedanken uns herzlich vor allem bei den koreanischen Krankenschwestern, aber auch bei allen anderen Menschen, die in diesem Prozess geholfen und an der Publikation gearbeitet haben.

Claudio Cassetti und das Team von sozial label e.V.   Berlin, 22.11.2025